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Vorbereitung auf die Vendée Globe

04.05.2020


Ein Projekt wie die Vendée Globe, die Nonstop-Weltumrundung für Einhandsegler ohne Unterstützung von aussen, bedingt eine jahrelange Vorarbeit. Mit der Vorbereitung des Bootes und des Skippers, den Trainings, Selektionen und Qualifikationen vergeht die Zeit bis zum Startschuss im Nu. Aber wie bereitet man sich überhaupt auf ein solches Unterfangen vor? Hier einige Antworten am Beispiel von Alan Roura.

Körperliche Vorbereitung 

Wie alle Spitzensportler müssen sich auch die Segler des 21. Jahrhunderts intensiv ihrer körperlichen Verfassung widmen. Sie sind mit immer leistungsstärkeren Renngeräten unterwegs, sind immer heftigeren Schlägen ausgesetzt und müssen über 70 Tage auf hoher See ausharren. Deshalb ist die Fähigkeit, extremen Bedingungen standzuhalten und in diesen alleine zu navigieren, in der Tat zu einem Faktor geworden, der die Performance massgeblich beeinflusst. Mit seiner Betreuerin Anne Beaudart trainiert Alan daher zweimal pro Woche seine Ausdauer und Muskelkraft sowie die richtige Körperhaltung. Sein umfassendes Programm beinhaltet Trainingseinheiten zur Förderung der Rumpfstabilität, für den Kraftaufbau und für die Verbesserung der Propriozeption (Eigenwahrnehmung). Dazu kommen Yoga sowie spielerische Elemente wie Mountainbike, Kite-Surfen, Sportkatamaran usw. «Mein Ziel ist es, sowohl meine Muskeln zu kräftigen als auch meine Ausdauer zu verbessern. So bin ich besser gerüstet für Manöver, die eine langfristige Anstrengung bedeuten – aber auch für solche, die kurz und heftig sind», erklärt der junge Schweizer Skipper von La Fabrique. «Es geht jedoch auch darum, dass ich mir an Bord keine Muskelverletzungen hole und Schläge besser antizipieren und abfangen kann. Yoga hilft mir ausserdem, meine Ressourcen zu mobilisieren, meine körperlichen Grenzen auszuloten oder, umgekehrt, mich nach der Anstrengung sofort wieder zu beruhigen.» Sobald das Boot im Wasser ist, kommen zu diesem intensiven Programm noch die Trainingseinheiten und Regatten hinzu, die vor einem Saisonstart anfallen. Das ist der Moment, in dem alle Manöver praktisch angewendet werden. Was vorher eine reine «Trockenübung» war, wird nun umgesetzt. Gleichzeitig werden die Bewegungsabfolgen weiter verfeinert – ein unerlässlicher Schritt, um einen temperamentvollen 18 Meter langen Einrümpfer im Griff zu haben!



Taktische Vorbereitung

Unter dem erfahrenen Blick von Tanguy Leglatin, dem renommiertesten Trainer in diesem Bereich, nimmt Alan ein «Feintuning» seiner Bewegungen vor, justiert seine Einstellungen und schärft seine Sinne an Bord. Denn Gründlichkeit und Strategie gehören zusammen, wenn eine bestimmte Leistung erreicht werden soll. Nur so lässt sich ein Boot mit der maximalen Geschwindigkeit und auf dem idealen Kurs führen. Julien Villion und Gwénolé Gahinet hatten Alan bereits bei seinem Rekord im Nordatlantik als Routenplaner unterstützt. Der 27-jährige hat sie nun als zusätzliche Verstärkung für seine taktische Vorbereitung der Vendée Globe geholt. Julien Villion agiert an Land, damit Alan lernt, die Wettermodelle noch besser auszuwerten und die sich daraus ergebende Routenwahl zu optimieren. Mit Gwénolé Gahinet wird Alan sich auf See befinden, zunächst auf der Figaro Bénéteau, dann der IMOCA (sofern die Corona-Massnahmen dies erlauben*). Er wird alle Erkenntnisse in die Praxis umsetzen und dabei auch sein Gefühl, den Himmel und die tatsächlichen Bedingungen berücksichtigen.

Mit Julien Villion & Mit Gwénolé Gahinet

Technische Vorbereitung 

Wer sein Boot im Griff haben will, muss auch Bescheid wissen, was er im Falle eines Bruchs oder bei den unterschiedlichen Schadenfällen zu tun hat, denn ein Schiff mit technischen Mängeln wird zwangsläufig eine schlechtere Leistung erbringen. Aus diesem Grund ist es für Alan sehr wichtig, Zeit in der Werft zu verbringen und selbst Hand anzulegen. Nur so kann er sein Boot bis ins letzte Detail kennenlernen. «An der vergangenen Vendée Globe war das meine Stärke,» erinnert er sich. «Ich konnte fast alle Materialprobleme selbst lösen, ohne die Hilfe meines Teams. Das bedeutet nämlich immer auch eine erhebliche Zeitersparnis. Daher will ich mich auch 2020 unbedingt an der Konzeption, Montage und Wartung der Bootskomponenten beteiligen. Um schon im Vorfeld möglichst viel Bruch zu vermeiden, ist es auch meine Aufgabe, alle unsere Entscheidungen bezüglich der Teile, Materialien und Stichproben mit dem Team und unseren Lieferanten zu validieren.»



Vorbereitung auf dem Festland

Spitzenleistungen sind oft das Ergebnis von Entscheidungen, die lange vor dem Startschuss an Land gefallen sind. Denn an einer Vendée Globe hat jener Segler einen erheblichen Vorteil, der den besten Kompromiss zwischen Leistung und Zuverlässigkeit gefunden hat. Erstere setzt ein möglichst leichtes Boot voraus – doch die Zuverlässigkeit liegt in der Solidität. Vor genau diesem Dilemma steht auch Alan, wenn er das Material vorbereitet, das er auf seine Reise mitnehmen wird. Lebensmittel, Ersatzteile, die Bordapotheke und verschiedene Arten von Segeln werden daher genaustens geprüft, bevor sie an Bord dürfen: «In erster Linie entscheidet das Gewicht», gibt der junge Skipper zu. «Das ist das Hauptkriterium und bestimmt, was mitkommt. Natürlich unter Berücksichtigung der verschiedenen Wetterszenarien und möglichen Havarien. 2016 hatte ich so viele Segel dabei, wie es nur erlaubt war; ausserdem ein Ersatzruder und zu essen für sechs Monate. Seither haben sich meine Ziele verändert. Dieses Jahr werde ich deshalb sicher mit weniger Gewicht in See stechen!»




* Und während des Lockdowns?

«Natürlich musste ich meine Vorbereitung anpassen und zu Hause bleiben, wie viele andere Sportlerinnen und Sportler auch. Meine Trainingseinheiten habe ich mit meinem Coach per Video absolviert. Ich finde es aber viel schwieriger, mich selbst zu motivieren, als wenn jemand da ist und mich anspornt! Auch meine Meteorologie-Hausaufgaben habe ich daheim erledigt, entweder zusammen mit Julien oder selbstständig mit meiner Navigationssoftware. So konnte ich schliesslich viele Dinge von zu Hause aus regeln.

In der Werft hat sich mein Team während der empfohlenen acht Wochen an den Lockdown gehalten. Einzig einige wenige externe Dienstleister haben am Boot gearbeitet, einer nach dem anderen. Die Trainings auf See und die Regatten sind natürlich am stärksten von den Auswirkungen des Lockdowns betroffen. Obwohl ich das Glück habe, schon viel mit meinem Boot gesegelt zu sein, wirkt sich jede Stunde, die ich nicht dort verbringen kann, natürlich negativ auf die Vorbereitung aus.»




Fotos © Christophe Breschi / La Fabrique Sailing Team
& Anne Beaugé / Ilsaimentlamer.com



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