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Das « Biest » vom Ärmelkanal kann alles vermasseln

08.07.2019

Alan Roura bekommt es bei seinem Weltrekord-Versuch im Nordatlantik mit Wind und Wetter zu tun, mit Walen und Nebel – und mit dem Biest vor dem Ärmelkanal. Was alles dahinter steckt, erzählen Julien Villion (30) und Gwénolé Gahinet (35), die Roura und La Fabrique via landgestützte Zelle durch die gefährlichen Gewässer lenken werden.

Was ist eigentlich eure Aufgabe bei Alan Rouras Rekord-Versuch im Nordatlantik?

Julien Villion: Unsere Arbeit ist in zwei Phasen aufgeteilt. Als erstes machen wir ein Monitoring vor dem Start, um einen optimalen Kurs zu definieren. Während der Überfahrt werden wir eine Route im gleichen Tempo wie Alan berechnen. Die Idee dahinter ist, dass wir ihm die Strategie abnehmen, damit er sich auf den reibungslosen Betrieb des Bootes konzentrieren kann. Der kleinste Geschwindigkeitsverlust könnte das ganze Rekord-Unterfangen zum Scheitern bringen.

Gwénolé Gahinet: Wir müssen uns in Echtzeit an Wetterveränderungen anpassen und dabei den Zustand des Skippers sowie des Bootes in unsere Berechnungen einfliessen lassen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Manöver kennen und wissen, was sie Alan physisch abverlangen. Unser Job ist es, weitsichtig zu sein und die beste Route für Alan auszusuchen. 

Wie sieht das konkret aus?

Julien Villion: Die Zeit vor dem Start ist relativ ruhig. Hier informieren wir uns über die aktuelle Wettersituation und schauen, ob sich etwas ändert. Wir erhalten stündlich Wetterdaten, danach aktualisieren wird die Strategie. 

Gwénolé Gahinet: Es steht in unserer Verantwortung, das ideale Wetterfenster nicht zu verpassen. Wenn das passiert, müssen wir unter Umständen einen ganzen Monat auf das nächste warten…Während der Rekordfahrt sind wir dagegen 24 Stunden im Einsatz.

Julien Villion: Da ist es von Vorteil, dass wir zu zweit sind. Vor dem Start können wir uns abwechseln, damit jeder eine Nacht schlafen kann. Während der Überfahrt müssen wir während acht Tagen hundertprozentig konzentriert sein. Wir werden ein Büro installieren, inklusive Dusche und Bett, damit wir sofort erreichbar sind, wenn das Telefon klingelt.

Wie sieht euer typischer Tagesablauf aus?

Julien Villion: Unsere Tage richten sich nach den fixen Veröffentlichungs-Zeiten der beiden grossen Wettermodelle GFS (Amerika) und CEP (Europa), die in zwölfstündigen Intervallen erscheinen. Sobald die Wettermodelle online sind, laden wir die Daten herauf und analysieren sie. Wir aktualisieren die Wettersituation und die Routenplanung und schauen uns problematische Hotspots genauer an. Wir sind da, um über die optimale Routenwahl zu entscheiden, ohne dabei Alan über seine eigenen Grenzen zu bringen. Wenn das der Fall ist, müssen wir über die Bücher und einen besseren Plan ausarbeiten.

Was sind die grössten Herausforderungen zwischen New York und Cap Lizard?

Gwénolé Gahinet: Das Wetter in der Startzone ist immer ziemlich unsicher. Durch die Temperaturunterschiede des kalten Labradorstroms im Norden und des warmen Golfstroms im Süden bilden sich oft Tiefdruck-Gebiete, die nicht einfach vorherzusagen sind.

Julien Villion: Diese Tiefs werden dort „geboren“. Die Frage für uns ist, wie sie sich entwickeln werden. Werden sie bis Mitte Atlantik Fahrt aufnehmen oder sich 24 Stunden nach dem Start wieder beruhigen? Wir müssen relativ starke Winde finden, um den Nordatlantik in einer möglichst geraden Linie zu überqueren. Der Start in New York ist technisch sehr anspruchsvoll, mit viel Verkehr, Sandbänken, Nebel, Strömungen und auch Walen...

Gwénolé Gahinet: Ideal wäre es, von einem Tief aus dem Süden zu profitieren, welches Alan bis nach Frankreich trägt. Zum Schluss der Strecke wartet noch ein echtes „Biest“ auf Alan Roura: es ist ein Hochdruckkeil, der den Eingang zum Ärmelkanal blockiert und für den es überhaupt nicht einfach ist, Vorhersagen zu machen. Dieses „Biest“ kann sich von den Azoren bis nach Grossbritannien ausweiten. Das kann dich sechs bis acht Stunden kosten und den Rekordversuch komplett vermasseln. 


Fotos © Christophe Breschi - Alexis Courcoux